Jörg M. Karaschewski
Eine frühe Variante der Reichskolonialflagge?
Im Zuge meiner Informationssammlung zu Flaggen bzw. Flaggenführung in den deutschen Schutzgebieten und dem Pachtgebiet Kiautschau, wurde ich von einem Kolonialforscher auf eine Flagge aufmerksam gemacht, die dieser vor einiger Zeit auf einer Auktion ersteigert hatte.

Nach Angaben des Auktionshauses sollte es sich um eine frühe Variante der Reichsdienstflagge des Auswärtigen Amtes und des Reichskolonialamtes handeln. Sie war horizontal gestreift, oben ein dünner schwarzer Streifen, mittig ein breiter weißer Streifen und unten ein dünner roter Streifen. Auf den breiten Mittelstreifen war der Reichsadler in der Version vom 06. Dezember 1888 etwas zur Stockseite hin verschoben aufgelegt. Offensichtlich wurde die ausgewehte Flugseite rechts einfach abgeschnitten, so ergab sich eine nahezu quadratische Flaggenform.
Nachdem in allen mir vorliegenden gesetzlichen Bestimmungen und Flaggenbüchern/Flaggenpublikationen zu dieser Zeit kein Hinweis auf eine andere als die allgemein bekannte Form dieser Flagge zu finden war, diese in der Literatur nicht beschriebene Flagge aber nun tatsächlich vorhanden und greifbar war, standen bei dieser Flagge alle Optionen offen.
Zunächst waren das Internet und eBay hilfreich. In den USA wurde gleich zu Beginn meiner Informationssuche eine sehr große Flagge mit dem fraglichen Muster in einer Auktion angeboten. Die angebotene Flagge sollte aus einer früheren deutschen Botschaft in Kanada stammen. Die sehr detaillierten Fotos gaben keinen Hinweis darauf, dass es sich um einen Nachdruck aus späterer Zeit handeln könnte. Gegen einen Nachdruck sprach auch das bis dato auf dem Markt unbekannte/wenig verbreitete Flaggenmuster.

Im Laufe der Zeit tauchten in zwei weiteren Fällen kleine Varianten (ca. 30 cm x 30 cm) mit Flaggenstock und eine senkrechte Flagge auf dem Markt auf. Zudem wurde die Flagge offensichtlich gerne auf zeitgenössischen patriotischen Postkarten der Kaiserzeit dargestellt. Immer wieder erschien das gesuchte Flaggenmuster als Hauptabbildung oder als schmückendes Beiwerk.

Die jetzt doch verhältnismäßig hohe Zahl der auftretenden originalen Flaggen und entsprechender Abbildungen ließen den Schluss zu, dass diese Flagge im deutschen Kaiserreich ein durchaus üblicher und gängiger Flaggenschmuck war, der weithin Verwendung fand. Ein besonderer Hinweis auf eine Nutzung in den deutschen Schutzgebieten fand sich allerdings nicht.
Auf der (undatierten) Flaggentafel des Königsberger Flaggenproduzenten Louis Halfter wurde eine solche Flagge unter der Bezeichnung Reichsadlerflagge abgedruckt. Informationen über die Nutzung/Handhabung der Flagge waren jedoch nicht angegeben.
Nahezu zeitgleich wurden mir einige Fotos aus Deutsch-Ostafrika vorgelegt, die beflaggte Objekte zeigten. Trotz nur eingeschränkter Detailgröße, waren bei allen Bildern horizontal gestreifte Flaggen mit erkennbar verbreitertem weißen Mittelstreifen zu erkennen. Diese verbreiterten Mittelstreifen sollen angabegemäß nur auf Fotos aus Deutsch-Ostafrika vorkommen.


Nach Analyse der Fotos sehe ich als Grund für den vermeintlich verbreiterten Mittelstreifen eher einen photooptischen Effekt, der regelmäßig auf schwarzweiß Fotos zu beobachten ist. Die Farbe Weiß tritt bei älteren schwarz-weiss Fotos regelmäßig dominant hervor. Auf dem obigen Bild Boma von Bagamoyo ist in der Vergrößerung meines Erachtens im obigen und unteren Streifen jeweils eine Einbuchtung zu erkennen. Es dürfte sich somit um die bekannte Reichskolonialflagge handeln.
Aus dem Jahr 1893 existiert ein Foto, es zeigt den Vorbeimarsch von Rekruten nach der Vereidigung vor dem Kaiser am langen Stall, dem alten Exerziergebäude, neben der Potsdamer Garnisonskirche. Deutlich ist neben der Preußischen Landesflagge die sogenannte Reichsadlerflagge zu erkennen.

Des Rätsels Lösung zur Einstufung dieser Flagge bietet ein zeitgenössischer Katalog der Bonner Fahnenfabrik, der anlässlich Kaisers Geburtstag (leider ohne Jahresangabe) veröffentlicht wurde. Hiernach handelte es sich eine rein dekorative Flagge ohne offizielle Funktion, die von jedermann geführt werden durfte. Beim Flaggendesign stand ganz offensichtlich die Preußische Landesflagge Pate (auf dem Foto rechts). Ein sehr schönes Beispiel für Flaggenevolution. Zugleich auch ein schönes Beispiel dafür, dass bereits seinerzeit das schlichte dreistreifige Streifendesign als zu trist angesehen wurde. Auch heute wird z.B. bei Fußballspielen von vielen Fans eine Deutschlandflagge mit Adler bevorzugt.

Offen bleibt leider weiterhin die vermeintliche Verwendung der Flagge in den deutschen Schutzgebieten. Aufgrund der anzunehmenden weiten Verbreitung der Flagge kann gegebenenfalls von einer dortigen Verwendung ausgegangen werden. Auch die nachweisliche Nutzung der Flagge zu offiziellen Gelegenheiten stützt diese These.
Ein Foto angabegemäß aus dem Gouverneurspalast in Daressalam (Deutsch-Ostafrika) zeigt eine ähnliche Flagge als Wandschmuck. Es könnte sich allerdings auch um eine kleine Version der Gouverneursflagge handeln, da alle Streifen gleichbreit scheinen.

Warum die verbreiterten weißen Streifen ausschließlich auf Fotos aus Deutsch-Ostafrika zu sehen seien sollen, muss derzeit noch offen bleiben. Es fehlt weiterhin an gut auswertbaren Bildbelegen zur tatsächlichen Nutzung der Flagge in den Schutzgebieten.
Eine -wie in der anfangs genannten Auktion beschrieben- frühen Variante der Kolonialflagge ist diese Flagge definitiv nicht. Es ist eine im Kaiserreich verbreitete Dekorationsflagge ohne offizielle Funktion. Die Titulierung als Kolonialflagge sollte vermutlich für einen deutlich besseren Preis sorgen. Zudem ist die Flagge in der bisherigen Fachliteratur nicht beschrieben und konnte daher wohl nicht richtig zugeordnet werden. Eine Verwendung der Flagge in den Schutzgebieten ist jedoch mit Blick auf die weite Verbreitung im Kaiserreich keinesfalls ausgeschlossen.
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