Die Wappen und Flaggen der deutschen Kolonien
Das den deutschen Kolonien eigene Wappen und Flaggen verliehen werden sollten ist uns leider nur aus zweiter Hand überliefert. 1933 erschien in den Afrika-Nachrichten (Illustrierte Kolonial- u. Auslands-Zeitung. Das Blatt der Kolonial- und Auslandsdeutschen - Koloniales Zentralorgan) ein Artikel zu diesem Thema, der bis heute das einzige schriftliche Zeugnis zu diesen Planungen darstellt. Auf diesen Artikel stützen sich alle bisher zu diesem Bereich erfolgten Veröffentlichungen.
Hier der Text im vollständigen Wortlaut:
Selbst
in den Kreisen derer, die an führender Stelle der deutschen Kolonialbewegung
stehen, ist es so gut wie unbekannt, zumindest aber in Vergessenheit geraten,
daß die Kaiserliche Regierung bereits in der ersten Hälfte des Jahres 1914
dazu entschlossen war, den deutschen Schutzgebieten eigene Wappen und Flaggen zu
verleihen. Der Gedanke, auf diese Weise die Volkstümlichkeit des deutschen
Kolonialbesitzes zu heben, ist der Initiative des damaligen Staatssekretärs des
Reichskolonialamtes Dr. Solf zu verdanken, der auf seiner letzten Afrikareise in
den Jahren 1912/13 durch den Besuch auch der englischen Kolonie dazu angeregt
wurde. Jede der britischen Kolonien, selbst die heute unter dem britischen
Mandat stehenden Staaten, haben ihr eigenes Wappen, ihre eigene Flagge, die den
Durchreisenden schon in den britischen Kolonialhäfen an den Flaggenmasten der
überseeisch stationierten Schiffe ins Auge fällt.
Es ist etwas sehr eigenes um diese Flaggen Britanniens, denen eine überaus starke Werbekraft innewohnt. Sie sind das Symbol britischer Macht, sie verkünden es allen Seefahrern, daß hier England Träger der Staatsgewalt ist. Sie erfüllen den Einzelnen aus Britanniens Volk mit Stolz.
Was lag näher , als Ähnliches für die deutschen Kolonien zu schaffen?! Aber der Gedanke mußte in eine bestimmte Form gegossen werden, er mußte überhaupt erst einmal gedacht werden. Solf war es, der die große werbende Bedeutung der britischen Kolonialwappen und -Flaggen erkannt hatte und entschlossen war, dem Gedanken die Tat folgen zu lassen.
Ein dem Kaiser in dieser Richtung gehaltener Vortrag fand allerhöchste Zustimmung. Solf wurde aufgefordert, das Nötige zu veranlassen, Entwürfe zu machen und auszuarbeiten. In enger Zusammenarbeit mit dem Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg und dem Heroldsamt kam es zu einer Reihe von Entwürfen, die schließlich dem Kaiser vorgelegt wurden. Ein Teil dieser Entwürfe fand die uneingeschränkte Genehmigung des Monarchen, andere wieder sollten im Einzelnen umgearbeitet werden.
Wir veröffentlichen in diesem Heft zum ersten mal die dem Kaiser vorgelegten letzten Entwürfe, zusammen mit den Randbemerkungen des Herrschers, die sich dabei auf frühere Entwürfe beziehen. Die Wappen Stellen im Einzelnen dar:
K a m e r u n: einen silbernen Elefantenkopf auf rotem Grunde.

T o g o: eine stilisierte Oelpalme mit je einer heraldischen Schlange zu beiden Seiten.

S ü d w e s t a f r i k a: einen in Silber ausgeführten Ochsenkopf auf blauem Grunde mit einem Diamanten darüber. Die Randbemerkung des Kaisers auf dem Blatt lautet: Stier und Diamant vom anderen Entwurf.

S a m o a: drei in Silber gehaltene Hügel mit stilisierten Kokospalmen auf rotem Grunde mit heraldisch gehaltenen Wellen in Blau und Silber. Auch hier wieder die Randbemerkung: stilisierte Palmen vom anderen Entwurf, sonst ja.

O s t a f r i k a: einen silbernen Löwenkopf auf rotem Grunde.

N e u - G u i n e a: einen heraldischen Paradiesvogel auf grünem Grunde.

Alle diese Wappen tragen Reichsadler und Kaiserkrone.
Die für die verschiedenen Schutzgebiete in Aussicht genommenen Flaggen waren die schwarz-weiß-rote Reichsflagge mit den Emblemen des Wappenschildes der vorliegenden Entwürfe unter Fortlassung der Kaiserkrone und des Reichsadlers.
Der Gedanke, den Schutzgebieten Flaggen zu verleihen, wurde vergessen. So hat der Plan die deutschen Kolonien und ihre Bedeutung im Volksganzen stärker zu festigen, heute nur noch historische Bedeutung. Aber er sollte den Kommenden auch heute noch die Erinnerung an das, was wir besessen, wachhalten.
Die originalen Entwürfe und Unterlagen sind heute leider verschollen. Umfangreiche Nachforschungen (Dank an Friedrich Kück und Dr. Andreas Herzfeld) haben keine weiteren Informationen zu Tage gefördert. Sogar russische Archive wurden diesbezüglich auf vermeintliches Beutegut hin befragt. Die Originale bleiben verschwunden. Auch der schriftliche Nachlass von Dr. Solf gab weder für den Zeitraum um 1914 noch das Jahr 1933 irgendwelche Hinweise auf Korrespondenz zu diesem Thema.
Im Zuge der Nachforschungen sind neben dem genannten Artikel aber zeitgenössische Fotografien der originalen Entwürfe im Bildarchiv der Deutschen Kolonialgesellschaft bei der Universität Frankfurt am Main aufgetaucht. Diese Bilder sehen Sie oben. Sie zeigen auch teilweise die Randbemerkungen des Kaisers und sein Handzeichen, sowie das Handzeichen von Dr. Solf. Zudem sind auf den Rückseiten weitere Farbangaben des Fotografen festgehalten.
Zu den angesprochenen Flaggenentwürfen sind keine Zeichnungen erhalten. Die Beschreibung im Text ist allerdings so detailliert, dass man relativ einfach entsprechende Konstruktionen anfertigen kann:

Kamerun Togo Südwestafrika

Samoa Ostafrika Neuguinea
Im Internet (z.B. im FOTW) werden vereinzelt andere Rekonstruktionen der Flaggen gezeigt, sie enthalten zusätzlich den Reichsadler über dem Emblem des Wappenschildes. Dies ist jedoch nach den Ausführungen des Artikels der Afrika-Nachrichten falsch.
Gerne werden auf mehreren kolonialen Homepages auch Wappenzeichnungen ohne die Kaiserkrone, dafür aber mit einem Schriftzug verwendet. (zuletzt als Buch publiziert von Harry Schurdel in "Wappen & Flaggen Deutschland, bei Battenberg)

Dem heraldisch geübten Betrachter fällt sofort die falsche Farbgebung des Wappens von Togo auf. Diese Wappen wurden Ende der 30er Jahre für ein Titelblatt einer neokolonialen Publikation entworfen und nur in schwarz-weiß gedruckt. Um ein einheitliches Bild zu schaffen, wurden alle Hintergründe schwarz gezeichnet.
In den 30er Jahren wurden diese Wappenentwürfe zudem auf Postkarten veröffentlicht. Diese Postkarten stellen heute die einzigen zeitgenössischen Farbabbildungen der Wappen dar.
Dr. Solf und Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg haben sich in bester
heraldischer Manier klaren und ausdrucksstarken Symbolen für ihre Entwürfe
bedient. Wie tief diese Symbole in der Landeskunde verankert sind zeigt das
Beispiel Neu-Guinea. Der Paradiesvogel ziert auch heute die Flagge
Papua-Neuguineas, obwohl es hier keinerlei Zusammenhang mit dem Wappenentwurf gibt. Die
aktuelle Flagge wurde im Rahmen eines Preisausschreibens von einem jungen
Mädchen 1975 gestaltet.
Weder Wappen noch Flaggen wurden in den Kolonien jemals gezeigt, wer heute diese Symbole wie selbstverständlich für Publikationen und Internetauftritte benutzt muss sich immer wieder klar machen, dass es sich um Entwürfe handelt, die niemals eingeführt wurden und auch 1914 nur einem sehr kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt waren.
Bleibt die Hoffnung bestehen, dass die originalen Entwürfe doch die Zeiten überdauert haben und eines Tages mit weiteren Informationen zu diesem überaus interessanten Thema wieder an das Licht der Öffentlichkeit treten.
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